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URHEBERRECHTLICH GESCHÜTZTES MATERIAL

edition Sächsische Zeitung

 

 

Leseprobe:

Thea Lehmann “Tod im Kirnitzschtal”

 

Kapitel 1 Ein toter Passagier

Als sich die Kirnitzschtalbahn rumpelnd und quietschend durch die 180-Grad-Kurve am Nassen Grund quälte, kippte der einzige Passagier im hinteren der beiden Waggons zunächst zur Seite, dann rollte er auf den Boden. Von dem Mann kam allerdings kein Mucks, denn er war seit drei Minuten mausetot. In den folgenden zwanzig Minuten, in denen die Bahn gemütlich durch das inzwischen finstere Tal zuckelte, sich widerwillig mal in eine Rechts-, dann in eine Linkskurve legte, wurde der Körper des Mannes so oft hin und her gerüttelt, dass er schließlich, eingeklemmt unter den beiden hinteren Sitzreihen, an der Außenwand des Waggons zu liegen kam.
Die acht Kilometer von der Endhaltestelle am Wasserfall bis zum Stadtpark in Bad Schandau sind eine ziemlich kurvige Strecke, die die alte Dame Straßenbahn in rund 30 Minuten schafft. Das Gleis zieht sich seitlich der Straße entlang des Flüsschens Kirnitzsch hin. Die für die Gegend typischen senkrecht aufragenden Felswände des Elbsandsteingebirges im Nationalpark Sächsische Schweiz flankieren das Tal. An manchen Stellen ist es nur wenige Meter breit, die Felswände ragen dann zu beiden Seiten wie Mauern nach oben; an anderen Stellen weitet sich das Tal ein wenig, und zwischen Fluss und Straße ist Raum für magere, nasse Wiesen, ein wenig Gestrüpp und schlanke, nach oben strebende Fichten. Die Enge des Tales sorgt dafür, dass es schon früh dunkel wird an seiner Sohle, und selbst im Sommer zieht sich die Bahn dann wie ein leuchtender Bandwurm durch den Felsengrund, obwohl auf den Höhen noch angenehmes Dämmerlicht herrscht. 
Das Tal war der Straßenbahnfahrerin Adele Schuster vertraut wie ihr eigener Hausflur. Seit über zehn Jahren fuhr sie die Bahn und brachte Touristen zu den Wandergebieten und wieder zurück nach Bad Schandau. Sie kannte auch jeden einzelnen Bewohner des Tales.
Seit der zweiten Station, dem Beuthenfall, war außer am Hotel Forsthaus auf dieser letzten Fahrt des Tages niemand mehr ein- oder ausgestiegen. Das war auch nicht verwunderlich, denn die Wanderer beeilten sich in der einbrechenden Dunkelheit nach Hause zu kommen. Die Fahrt war in der Regel ruhig, die meisten Ausflügler saßen schon längst wieder in der S-Bahn nach Dresden oder in ihrem Wagen auf dem Weg nach Hause.
Als Adele Schuster in Bad Schandau am Stadtpark, der Endhaltestelle, ankam, verließen die vier letzten Fahrgäste die Waggons und machten sich auf den Weg hinüber Richtung Marktplatz.
 Die Straßenbahnerin wartete, bis alle ausgestiegen waren, und rangierte die Bahn so um, dass der Triebwagen wieder in Fahrtrichtung stand. Sie nahm ihre Mütze und ihre Tasche von der hölzernen Ablage und strich sich die hellblaue Dienstbluse glatt. Diese Arbeit mochte sie sehr. Es war viel besser, als irgendwo in einem Laden an der Kasse zu sitzen, auch wenn die Passagiere mitunter nervig und unfreundlich waren. Aber die Schönheit des Tales und der Wechsel der Jahreszeiten, die sie auf ihren Fahrten erlebte, das gefiel ihr immer wieder aufs Neue. Sie schloss den Wagen mit dem Führerstand ab und überprüfte, ob von außen alles in Ordnung war. Dann warf sie einen kurzen Blick in den hinteren Wagen und verschloss auch dessen automatische Türen. Die gelbe Bahn würde bis zum Morgen an der Endhaltestelle stehen bleiben. Adele Schuster machte sich auf den Weg nach Hause und hatte nicht den leisesten Schimmer von ihrem toten Passagier.


Kriminaloberkommissar Leo Reisinger saß am Donnerstagvormittag an seinem Schreibtisch in der Dresdner Innenstadt und starrte auf die beiden Zettel vor ihm. Auf dem einen standen, mit flüchtiger Handschrift hingeworfen, der Name Mandy und eine Mobilfunknummer. Auf dem Papier in seiner anderen Hand stand, deutlich besser zu lesen, in ordentlichen Buchstaben: Tabea Nollau, außerdem eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse. Leo erhob sich und schaute aus dem Fenster auf den belebten Pirnaischen Platz. Welche Nummer sollte er jetzt anrufen? Beide hatte er am Vorabend beim Sommerfest in der Alaunstraße ergattert. Die Erste, Tabea, war noch ziemlich jung, höchstens 20 Jahre alt, wahrscheinlich Studentin. Ihre lustigen kleinen Grübchen beim Lachen hatten ihn an Veronika erinnert. Sie hatte ihn mit großen ungläubigen Augen angesehen, als er ihr unaufgefordert einen Gin Tonic gebracht hatte, um mit ihr anzustoßen. Es dauerte eine Weile, bis sie aufgetaut war, und anfangs bestand die Gefahr, dass sie mit ihrer Freundin die Flucht ergreifen würde. Aber die ließ sich von einem durchtrainierten Typen mit Wollmütze in die Feinheiten des Streetdance einweihen und dachte nicht daran, zu gehen.
 Leo hatte einen Blick für so was. Am leichtesten anzusprechen waren die Frauen, die mit einer Freundin da waren und plötzlich damit leben mussten, dass die Freundin angebaggert wurde, sie aber nicht. Nach einer Stunde hatte er die schüchterne Tabea so weit, ihm ihre Telefonnummer zu geben. Offensichtlich war sie ein braves Mädchen. Der Zettel mit den akkuraten, geraden Buchstaben und den geraden Zeilen roch geradezu nach Ordnung und Anständigkeit. Das forderte seinen Jagdinstinkt heraus. Dass sie sich kurz vor neun Uhr abends dann doch mit ihrer Freundin nach Hause verabschiedete, ohne ihn mitzunehmen, war nur deshalb keine totale Enttäuschung, weil sie ihm ihre Nummer in die Hand gedrückt hatte.
Also machte er sich weiter auf die Suche und wanderte mit seinem Bierglas die Straße entlang, bis er im Devils Kitchen Mandy entdeckte. Die war ein ganz anderes Kaliber als Tabea. Mandy war mindestens 30, also so alt wie er selbst, und trug einen Ehering am Finger. Sie hatte ihn geradezu herausgefordert, sie anzusprechen, ihre schwarzen langen Locken geschüttelt und ihm vielsagende Blicke zugeworfen. Auch sie war mit einer Freundin unterwegs, die sich lachend mit einer jungen Frau am Nebentisch unterhielt. Obwohl sie also genau das versprach, was er wollte, war sich Leo nicht ganz sicher. Bei Mandy hatte er also gezögert, seinen bayerischen Charme nur mit halber Kraft eingesetzt und sich nicht sofort eingelassen. Das ging ihm nun fast zu leicht. Ein wenig Herausforderung und ein bisschen mehr Distanz sollten schon sein. Stattdessen war er also alleine nach Hause gegangen, dafür mit zwei Telefonnummern. 


Uwe Kröger schaute vorbei und nickte ihm durch die offene Türe zu. „Na, homo bavaricus, alles im Lot?“ Leo sah auf und lächelte seinen Kollegen an. „Hallo, Uwe, was meinst du, braun oder schwarz?" Er deutete auf die beiden Zettel vor sich.
„Ah, der Herr Kommissar ist mal wieder auf der Pirsch." Kröger schüttelte mit ironischer Entrüstung den Kopf, gleichzeitig sah man ihm an, dass er Leo um seine Freiheit beneidete. „Für deine Zwecke wohl eher schwarz wie die Nacht, Alter!" Er verabschiedete sich mit einem angedeuteten Winken und ging den Flur hinunter.
„Hm, schwarz." Leo drehte Mandys Telefonnummer zwischen den Fingern. Rein statistisch gab es nur fünf Prozent wirklich schwarzhaarige Frauen in Deutschland, wenn man all diejenigen abzog, deren Heimatländer weiter südlich lagen. Die Frage war demnach, ob sie nachgeholfen hatte. Er hasste es, wenn Frauen sich die Haare färbten. Blondinen mit dunklen Haaransätzen waren der echte Abtörner. Bei Mandy konnte die Farbe durchaus echt sein, sie hatte dunkle Kohleaugen, dunkle Augenbrauen, er glaubte sich sogar an dunkle feine Härchen auf ihren nackten Armen zu erinnern. Alles recht vielversprechend, und die Wahrheit ließ sich schließlich leicht herausbekommen. Am seltensten waren die echten Rothaarigen. Nur zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung hatten natürlicherweise rote Haare. So eine fehlte ihm ganz klar noch auf seiner Liste. Aber schwarz war auch nicht übel. Also doch Mandy?
Eine blasse junge Frau mit knallschwarzen langen Haaren und dunklem Make-up steckte den Kopf zur Tür herein. „He, du Seppel, gehst du mit Sascha und mir zum Thai-Imbiss?"
Leo zuckte zusammen. „Nein, kein Thailänder!"
„Wieso nicht? Das Essen ist billig und lecker! Nur so eine Schachtel voll mit gebratenen Nudeln und ein bisschen Huhn obendrauf." Sie sah ihn mit ihren schwarz umränderten Augen forschend an. 
Ruppiger als beabsichtigt knurrte Leo nochmals „Nein!" und drehte ihr auf seinem Bürostuhl den Rücken zu. Sandra Kruse nannte ihn „Wessi-Dumpfbacke" und verschwand aus seiner offenen Bürotür. 
Leo schämte sich ein wenig, seines Ausbruchs wegen. Doch Sandra Kruse nervte ihn. Und Sandra war blond, obwohl man davon zurzeit nichts sah, weil sie ihre helle Mähne vor einem Monat rabenschwarz gefärbt hatte. Als Kriminalbeamtin! Leo fand das unmöglich. Das Schlimmste aber war, dass Sandra es nicht lassen konnte, ihn als Besserwessi für alle ihre eigenen Unzulänglichkeiten verantwortlich zu machen.
Als wieder Ruhe vor seiner Tür eingekehrt war, griff er zu seinem Handy und rief Mandy an. Er legte sich entspannt zurück, um seiner Stimme das spezielle Timbre zu geben, auf das alle Frauen ansprachen. Obwohl er nicht übel aussah, hatte er in dem halben Jahr, das sein Singledasein nun dauerte, schon festgestellt, dass es nicht so sehr auf das Aussehen ankam. Er fand sich eher durchschnittlich. Sein Kinn war markant, ein wenig wie bei Michael Schuhmacher, seine Haare braun, seinem Körper sah man nicht unbedingt an, wie durchtrainiert er war. Es kam mehr auf ein selbstbewusstes Auftreten an.
Der Bürostuhl knarzte unter seinen ein Meter zweiundachtzig.
Drei Minuten später tänzelte er hochgestimmt die Treppe hinunter und machte sich auf den Weg in die Kantine. Mandy hatte sich für den Abend auf ein Bier mit ihm verabredet. Morgen würde er wissen, ob sie eine echte Schwarzhaarige war …


Auch in Bad Schandau schien die Sonne freundlich vom Augusthimmel und tauchte den Stadtpark am Donnerstagmorgen in goldenes Licht. Gut gelaunt marschierte Karl Kunath, seit 23 Jahren Straßenbahnfahrer bei der Kirnitzschtalbahn, auf seinen kurzen Beinen quer durch den Stadtpark. Die Mütze saß keck auf den dunklen Haaren, seine Uniform war frisch gewaschen, das hellblaue Hemd sogar gestärkt. Karl Kunath hörte die Vögel zwitschern und sah, dass in der Kurklinik ein paar Hundert Meter weiter reger Betrieb herrschte; hier wurden neue Patienten ein- und Lebensmittel angeliefert. Kunath grüßte die Besitzerin des Kiosks an der Straßenbahnhaltestelle, die gerade dabei war, ihre wenigen Tische und Stühle vor den Pavillon zu stellen.
Um acht Uhr entriegelte Karl Kunath die beiden Waggons mit dem speziellen Schlüssel und schaltete den Triebwagen ein. Die Stromabnehmer fuhren langsam nach oben und rasteten mit einem Klicken ein.
Da keine Passagiere in Sicht waren und weil er noch fünf Minuten Zeit hatte, bis er laut Fahrplan losfahren sollte, drehte er eine Runde außen um die Waggons, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Dann inspizierte er die Wagen von innen. Von seinem Führerstand aus ging er zunächst im ersten Wagen nach hinten und sammelte mehrere Bonbonpapierchen auf. Er öffnete die Tür am hinteren Ende des Waggons, um hinaus auf den Bahnsteig zu treten. Sein Blick fiel auf die Gummilippe der Tür. Er kannte diese Bahn seit über 20 Jahren und hatte bestimmt schon jede Schraube an diesem Gefährt in der Hand gehalten. Seit die Gotha-Triebwagen 1992 aus Plauen ins Kirnitzschtal gekommen waren, wurden sie gehegt und gepflegt, denn niemand hier wollte moderne Züge haben. Zum einen waren neue Wagen viel zu teuer, zum anderen kamen viele Menschen allein wegen der alten Straßenbahn ins Kirnitzschtal. Der Gummi an der hinteren Türe war porös und musste demnächst erneuert werden. Karl Kunath nahm sich vor, das gleich im Straßenbahn-Depot zur Sprache zu bringen. Dann inspizierte er den zweiten Waggon. Der war ziemlich sauber, aber auch da entdeckte der Straßenbahner noch eine leere Flasche Club-Cola, die neben einem Einzelsitz am Boden lag. Als er sich bückte, um sie aufzuheben, fiel sein Blick auf das Profil zweier Wanderschuhe.
Erschrocken fuhr er hoch, knallte mit dem Kopf gegen die Haltestange. „Dunnerlittschn!", entfuhr es ihm. Er lief die paar Schritte nach hinten. Da lag eine Person am Boden, verdeckt unter den beiden Sitzbänken. Das Gesicht war nicht zu sehen, das lag zur Außenwand hin, aber die Hose, die Jacke, die kurzen schütteren Haare auf dem Schädel, all das deutete darauf hin, dass die Person ein nicht mehr junger Mann war.
Karl Kunath rief ihn an: „He, hallo Sie da, schlafen Sie? Aufwachen!" Aber der Mann rührte sich nicht. Als Kunath ihn zu schütteln versuchte, merkte er, dass der Körper starr war. Er zuckte zurück und versuchte zu verstehen, was das bedeutete.
„Ach du meine Güde!", stöhnte er. „Ä Doder in meiner Straßenbahn!"