URHEBERRECHTLICH GESCHÜTZTES MATERIAL

edition Sächsische Zeitung

 

 

Leseprobe:

Thea Lehmann “Dunkeltage”

Montag

 

„Gute Nacht, Tante Hermine!”

Detlef Watzke nickte in Richtung des Blumenbeets, ging durch den kleinen Garten zur Tür und öffnete die drei schweren Schlösser. Von den dunkelbraunen Balken des Umgebindehauses und von der Holztür rieselte der Lack in splittrigen Flocken zu Boden. Am Himmel hing ein käsiger, schmaler Mond gerade noch so über dem Bergrücken, um das nächtliche Tal ein wenig zu beleuchten. Die alten Holzbohlen in dem kleinen Flur knarzten unter Detlef Watzkes Gewicht. Vorsichtig und langsam drehte er sich mit seiner Last nach rechts und öffnete die Tür zum Stall. Die nackte Glühbirne, die von der Decke baumelte, erhellte den Raum nur spärlich. Obwohl hier schon seit über 20 Jahren keine Tiere mehr standen, konnte man sie immer noch ein wenig riechen. Der Sandsteinboden und die grob zusammengefügten Mauern hatten sich im Laufe der Jahre mit ihren Ausdünstungen vollgesogen. Detlef Watzke tappte die drei Steintreppen hinunter, durchquerte den kleinen, mit Gerümpel vollgestellten Raum und stieg vorsichtig die Aluleiter hoch. Oben angekommen kippte er den Inhalt seines Rucksacks über die Holzbohlenwand. Das Abteil dahinter war fast voll. Er konnte das eher hören als sehen, denn der Schein der Birne reichte nicht bis hinter die Wand. Die Steine und das Geröll klonkerten mit dumpfen Schlägen hinunter. In ein paar Wochen würde das Werk vollbracht sein. Außer dem metallischen Quietschen der Aluleiter auf dem Sandsteinboden war es völlig ruhig, als Watzke wieder nach unten stieg. Kein Auto, keine menschlichen Geräusche, nicht mal ein Käuzchen war draußen zu hören. So mochte er es.

Müde stellte er den ausgebeulten Rucksack neben die Küchentür, zog die Jacke aus und schlurfte an den Tisch. Der kleine Raum wurde beherrscht von einem alten eisernen Küchenofen, den er nie benutzte. Auf dem stand die elektrische Kochplatte, auf der er sein Essen wärmte. Es gab eine hölzerne Eckbank mit Esstisch, den Kühlschrank und ein altertümliches Küchenbuffet. Neben dem hing ein riesiger blauer Müllsack, der halb gefüllt vor sich hin muffelte. Die liebliche Schnörkeltapete in gelb und blau mühte sich vergeblich, dem Raum noch etwas Gemütliches zu geben.

Es war 3 Uhr morgens. Obwohl die Nacht kühl war, klebte Watzke das Flanellhemd schweißnass am Rücken. Er hatte von 10 Uhr nachts bis jetzt wieder sein Arbeitspensum erledigt und war äußerst zufrieden mit sich. Sein Rücken schmerzte, aber es war ein gutes Gefühl, etwas geschafft zu haben. Jetzt kam der beste Teil der Routine, die Belohnung für all die Schufterei. Er holte eine Dose Billigbier aus dem Kühlschrank, setzte sich auf die Eckbank, klemmte seine langen Beine unter den Tisch und schlug ein Kreuzworträtselheft auf. Die Stapel schmutziger Teller schob er mit dem Ellbogen vorsichtig ein wenig zur Seite. Zwei saubere Teller von Tante Hermines kleingeblümtem Geschirr standen noch hinter der gelblichen Butzenscheibe im Schrank. Mit einem Seufzer registrierte Detlef Watzke, dass er spätestens übermorgen das Geschirr würde spülen müssen. Dummerweise war ihm letzte Woche ein Teller aus der Hand gerutscht und auf dem Steinboden der Küche zerschellt. Damit hatte sich der Rhythmus des Geschirrspülens von zehn auf neun Tage verkürzt. Watzke hasste Veränderungen, die sein sorgfältig organisiertes Leben durcheinander brachten.

 Im Schein der blanken 40-Watt-Glühbirne über seinem Kopf füllte er mit einem Bleistift konzentriert Zeile für Zeile des aufgeschlagenen Kreuzworträtsels. Chemisches Element mit P, Nebenarm der Wolga, Schauspiel von Ibsen – ohne zu zögern füllte er alle Kästchen aus. Als er fertig war, holte er ein weiteres Heft ganz links aus dem Küchenschrank und radierte ebenso konzentriert die Eintragungen einer Seite wieder aus.

Gegen 4 Uhr morgens hatte er sein Bier ausgetrunken und die Rätselstunde war beendet. Detlef Watzke stellte die Rätselhefte an ihren Platz, ging kurz ins Bad und stieg die schmale Holztreppe nach oben. Wie im Erdgeschoss gab es auch hier nur zwei Zimmer, seines und das von Tante Hermine. Sein Schlafzimmer zeigte nach hinten in den Wald. Bei Tante Hermine war die Aussicht nicht so schön. Watzke ersparte sich nach Möglichkeit den Blick auf den schmalen Weg, der zur Straße hinunter ins Kirnitzschtal und zum Sägewerk mit seinen großen Lagerschuppen führte. Am liebsten war es ihm, keine Menschen zu sehen. Man wusste ja nie, was sie im Schilde führten.

Müde hing er sein schmutziges Hemd über den Stuhl und stieg aus seiner staubigen Arbeitshose. Die fadenscheinige Unterwäsche schlackerte an seinem Körper. Dass ihm die Unterhosen deshalb ständig herunterrutschten, nervte ihn gewaltig und er hatte versucht, das Problem mit einem Streifen Klebeband zu lösen. Aber das hielt maximal zwei Tage. Ärgerlich presste er den Klebestreifen auf den dünnen Stoff. Seit er aus Berlin weggegangen war, hatte er mindestens zehn Kilo abgenommen. Er öffnete das Fenster einen Spalt und ließ ein wenig von der kühlen Oktoberluft ins Zimmer. Dann zog er die Socken aus und schlug sie energisch am Bettpfosten tot.

Seine Socken waren ihm nicht geheuer. Irgendwann, wahrscheinlich während seiner Zeit im Gefängnis, hatte ihn die Sorge beschlichen, dass sie nachts, wenn er ihnen hilflos ausgeliefert war, lebendig wurden. Da ging er lieber auf Nummer Sicher.

Fünf Minuten später war Detlef Watzke eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin.

 

***

 

Kriminalkommissar Leo Reisinger bemerkte erstaunt, dass er sich freute, als er die schwere Tür des Polizeipräsidiums in der Dresdner Schießgasse aufdrückte. „Meine zweite Heimat” dachte er sich, als er in die Eingangshalle trat. Morgens um 8 Uhr war hier ein reges Kommen und Gehen. Er begrüßte den Beamten am Empfang und zückte seinen Ausweis an der Schranke. Als er gerade an der Treppe um die Ecke bog, sah er seine Kollegin Sandra Kruse zur Tür hereinkommen. Was war denn das? Leo hatte nur noch einen kurzen Blick auf sie erhaschen können. Hatte sie tatsächlich eine Hundeleine in der Hand gehabt?

Na, das würde er gleich wissen. Im Büro begrüßte er zunächst die Sekretärin, Frau Kerschensteiner. Sein Chef, der Leiter der Mordkommission Reinhold Richter, war noch nicht im Büro. Kriminalkommissar Reisinger guckte im Zimmer seiner Kollegen Kai Nolde und Uwe Kröger vorbei.

„Und, hast du dein Hochdeutsch verlernt und laberst’ jetzt wieder im Alpenjargon?”, fragte Nolde zur Begrüßung.

„Du willst nicht ernsthaft behaupten, dass ihr Sachsen Hochdeutsch sprecht, oder?”, konterte Leo Reisinger und klopfte zur Begrüßung an den Türstock. Kröger sah ihn erwartungsvoll unter seinen buschigen, grauen Augenbrauen an: „Hast’ ein extra frisches Oktoberfestbier auf mich getrunken?”

„Nicht nur eins!” Leo Reisinger grinste schuldbewusst. „Ich habe zwei Kilo zugenommen.” Er kniff sich kritisch in seine Hüfte. „Ab morgen stehen wieder Joggen und Hanteltraining auf dem Programm.”

„Da solltest du Sascha mitnehmen, der hat vor lauter Kummer über deine dreiwöchige Abwesenheit gefuttert wie ein Scheunendrescher”, bemerkte Nolde. 

„Ich feiere übernächsten Freitag meinen Geburtstag. Wir grillen im Garten, wenn das Wetter noch hält. Kommst du?”, fragte Uwe Kröger.

„Gern, wenn ich Zeit habe!” Leo Reisinger wusste nicht recht, ob er sich über diese Einladung freuen sollte. Seit Beginn des Jahres war er nun bei der Dresdner Kriminalpolizei als Kommissar tätig und fühlte sich wohl mit den sächsischen Kollegen. Dass nun auch private Bande geknüpft werden sollten, war ihm nicht so recht. Er blieb lieber auf Distanz. Eine private Einladung unter Kollegen, das gab später nur Verwicklungen bei der Arbeit.  Aber vielleicht würde er doch hingehen.  Nachdem das letzte Treffen mit Veronika so schief gelaufen war, würde er wohl nicht so schnell nach Bayern zurückkehren.

Er wandte sich um, um in sein Büro zu gehen, als ein tapsiger schwarz-weiß-brauner Hund auf ihn zu gewedelt kam. Sandra Kruse hatte sich tatsächlich einen Hund zugelegt. Sie ließ sich von dem kniehohen Tier den Flur entlang ziehen.

„Ah, hallo Leo, schönen Urlaub gehabt?” fragte sie, und versuchte den Hund zurückzuhalten. Der zog mit aller Macht Richtung Leo und hörte erst auf, als er dessen Hosenbein beschnüffeln konnte.

„Was ist denn das, bist du jetzt auf den Hund gekommen?” fragte Leo ungläubig.

„Das ist Laika. Olli ist letzte Woche bei mir eingezogen und damit wir eine richtige Familie sind, haben wir uns Laika geholt. Sie ist ein Hovawart und noch ein Baby, wie man an den großen Pfoten sieht.” Sandra Kruse tätschelte liebevoll Laikas schwarzen Hundekopf. Leo registrierte, dass Sandra ihre Haare hatte schneiden lassen und statt des langen Pferdeschwanzes jetzt einen kurzen Bob trug.

„Und diesen Hund bringst du jetzt täglich mit ins Büro?” fragte Leo entgeistert.

„Nein, nur diese Woche, weil Olli auf einem Lehrgang in Frankfurt ist. Nächste Woche nimmt er sie wieder mit.”

„Aha”, Leo Reisinger wusste nicht, was er noch sagen sollte. Mit seiner Kollegin Sandra Kruse hatte er sich immer ganz schnell in der Wolle. Im Sommer noch hatte sie die Haare kohlrabenschwarz gefärbt und war in schwarzen Gothik-Klamotten herumgelaufen. Nun sah sie eher brav aus und trug kein Make-up mehr.

 „Bist du jetzt auf Öko?”, fragte er, nachdem er sie eingehend gemustert hatte.

Noch während er sprach, wanderte sein Blick nach unten, denn das Geräusch, das heraufdrang, war alarmierend. Es plätscherte. Laika hatte ihre rechte Hinterpfote ein wenig angehoben, balancierte wacklig auf drei Beinen und pinkelte auf seine neuen Schuhe.

„Verdammt!” rief er und machte einen Satz zur Seite. Laika störte das nicht im Mindesten. Sie schnüffelte an ihrer kleinen Pfütze auf dem Linoleum-Boden und schaute Sandra Kruse dann schwanzwedelnd an.

„Ach, Laika!” sagte die lächelnd und begann ein Päckchen ungebleichte Papiertaschentücher aus ihrer Umhängetasche zu kramen. „Sie ist noch nicht ganz stubenrein, aber das lernt sie schon noch!”, erklärte sie Leo Reisinger.

„Dieses blöde Vieh hat mich eben angepinkelt!”, rief Leo entrüstet. Inzwischen waren alle aus der Abteilung da und standen mit schadenfrohen Gesichtern im Flur.

Während Sandra Kruse den Boden wischte, tippte Frau Kerschensteiner Leo auf die Schulter. „Sie sollten den Schuh mit viel Wasser auswaschen, sonst stinkt der noch wochenlang, und jeder Hund wird das riechen.” Wütend marschierte er in die Herrentoilette, um seinen neuen Lederschuh im Waschbecken zu versenken.

„Die Schuhe waren richtig teuer, Sandra. Hast’ hoffentlich eine Versicherung für deinen blöden Köter!”, brüllte er noch im Gehen. Der Tag war gelaufen! Mit einem beschuhten und einem nackten Fuß tappte er nach einer gründlichen Schuhspülung in sein Büro und begann, die offiziellen E-Mails durchzuarbeiten. Um 10 Uhr rief Richter zum Montagsfrühstück in den Konferenzraum. Leo Reisinger hörte nur mit halbem Ohr zu, als Kai Nolde von einem aktuellen Fall von schwerer Körperverletzung am Dresdner Hauptbahnhof berichtete.

Nicht mal seine original Bayerische Leberkäsesemmel, die er sich wie jeden Montag bei der Fleischerei Sachse am Neumarkt geholt hatte, konnte seine Laune heben. Ärgerlich starrte er beim Kauen auf seinen nackten Fuß. Unter dem Tisch rückte eine braune Hundeschnauze in sein Blickfeld. Stück für Stück robbte sich Laika in seine Richtung und blickte ihn mit feuchten Hundeaugen an. Sein Kollege, Sascha Pröve, der montags immer den Hackepeter für die ganze Runde besorgte, hatte Laika offensichtlich auch entdeckt. Blitzschnell knappste er etwas vom Hackepeter auf seinem Brötchen ab und warf es Laika unter dem Tisch zu.

Die schnappte es praktisch im Flug auf und hatte das Fleischbällchen bereits verschluckt, bevor Leo richtig registrierte, was hier passiert war. „Wenn du so weitermachst, ist der Hund bald so mopsig wie Du!” knurrte er leise.

Sascha schüttelte den Kopf. „Quatsch, der ist doch noch jung und wächst. Der braucht Energie!”

Sandra hatte bisher offensichtlich nichts gemerkt, wurde jetzt aber aufmerksam. „Der Hund bekommt nichts vom Tisch zu fressen!” sagte sie mit drohender Stimme Richtung Sascha. Auch Richter hatte es mitbekommen und bat ärgerlich um Ruhe. „Wenn dieser Hund Sie mehr beschäftigt als unsere Arbeit, müssen Sie ihn zuhause lassen, Frau Kruse!” sagte er mit drohendem Unterton.

Sandra zuckte zusammen und nickte. Sie zog an Laikas Leine, um sie aus Pröves Radius zu bekommen und vertiefte sich in die Unterlagen vor ihr.

„Darf ich jetzt wieder?”, fragte Uwe Kröger genervt, und fuhr fort, vom Stand seiner Ermittlungen zu sprechen.

In dem Moment kam Frau Kerschensteiner mit einem Telefon in der Hand herein.

 

 

***

 

An diesem sonnigen Oktobermontag machte Helga Dünnebier den Fund ihres Lebens. Schon morgens, als sie die Fensterläden ihres Hauses in Ottendorf aufstieß und die herrlich frische Luft ins Schlafzimmer ließ, hatten sich ihre Nasenlöcher erwartungsfroh aufgebläht und Beute gewittert.

Den gesamten Sonntag hatte es ausdauernd geregnet, nun schien wieder die Sonne von einem knallblauen Himmel, und aus dem Kirnitzschtal stiegen verheißungsvoll Dunstwolken auf.

Gleich nach dem Frühstück machte sie sich mit Messer und Korb auf den Weg. „Ich geh in die Pilze!” rief sie ihrem Mann Heinrich zu, bevor sie die Haustür hinter sich zuzog. In festen Wanderschuhen, einer karierten Kittelschürze und einer selbst gestrickten Wolljacke in Altrosa schnürte Helga Dünnebier durch den Wald unterhalb von Ottendorf und besuchte all die vielversprechenden Stammplätze, die sie nie im Leben jemandem verraten würde.

Eine Stunde später lagen in ihrem Korb gut zwei Dutzend Braunheidel, fünf bildschöne Steinpilze, neun Perlpilze, fünf Semmelpilze und acht Ziegenlippen. Nachdem ihr mit ihren 73 Jahren das Bücken langsam etwas schwer fiel, beschloss sie, dass es für ein deftiges Mittagessen reichte und machte sich über den unteren Feldweg wieder zurück auf den Weg ins Dorf.

 

Das erste, was Helga Dünnebier sah, als sie neugierig um den schwarzen BMW mit Dresdner Nummernschild herumging, war, dass da etwas lag. Etwas mit komischen weißen Cowboystiefeln und einer schwarzen Lederjacke. Vorsichtig stellte sie ihren Pilzkorb ab und ging auf das Bündel zu. Direkt unterhalb der einzigen flachen Stelle am Feldweg lag ein Mensch auf dem Bauch. Ein magerer, junger, pickeliger, blonder Mann, wie Helga Dünnebier feststellte. Und er lag da wohl schon länger, denn seine Kleider waren völlig durchnässt vom Regen, und in dem sichtbaren Auge, das in die Wiese glotzte, saßen schon die Fliegen.

„Nu, das ist ja 'n Ding!”, staunte die Rentnerin.

Sie sah sich um, ob noch jemand den Toten entdeckt hatte, konnte aber niemanden sehen. Entschlossen griff sie sich ihren Pilzkorb und eilte so schnell es ihre Beine zuließen nach Hause. 

„Heinrich”, schrie Helga Dünnebier, kaum dass sie im Hausflur stand, „schnell, das Telefon! Ich hab was gefunden!” Noch ehe ihr verdatterter Gatte reagieren konnte, saß Helga am Telefontischchen im Wohnzimmer und blätterte im Telefonbuch nach der Nummer der nächsten Polizeistation. „Was meenste, soll ich in Pirna oder in Sebnitz anrufen?”

„Was is'n los?” fragte Heinrich Dünnebier, der gemütlich am Küchentisch saß und seine Zeitung las.

„Da liegt eener auf dem Feldweg. Und ich, Helga Dünnebier, hab ihn entdeckt.” Sie strahlte über das ganze Gesicht.

„Das muss ich sofort der Marianne und der alten Lätsch erzählen. Aber erst mal die Polizei! Wer ist denn für uns zuständig?”

„Nimm die in Sebnitz”, murmelte ihr Mann. „Die sind näher.”

Helga wählte.

„Polizeidienststelle Sebnitz”, melde sich eine freundliche Frauenstimme.

„Nu, hier ist Frau Dünnebier aus Ottendorf. Ich habe een gefunden. Also eigentlich wollte ich ja nur Pilze suchen, weil heute Morgen war es so schön und da habe ich mir gedacht, bestimmt gibt es noch Pilze und ich habe auch Recht gehabt und also, als ich dann schon den Korb fast ganz voll hatte, ...”

„Moment mal”, unterbrach sie die freundliche Stimme am Telefon.

„Sie sind in der Telefonzentrale. Wollen Sie ein Verbrechen melden oder mit jemandem Bestimmten sprechen?”

Helga Dünnebier stutzte einen Moment.

„Ein Verbrechen?”, echote sie. „Nee, ich glaub nicht. Ich habe Ihnen doch schon erzählt, dass ich heute Morgen beim Pilzesuchen ...”

„Was möchten Sie dann melden?”, fragte die Stimme schon etwas ungeduldig.

„Na, dass ich een gefunden hab, so een jungen.”

„Aber Sie rufen hier doch wohl nicht an, weil Sie Pilze gefunden haben, oder?” fragte es aus dem Telefonhörer.

„Ne, also, jetzt lassen Se mich doch mal ausreden”, rief Helga Dünnebier ärgerlich. „Da liegt een Toter auf dem Weg! Und den habe ich gefunden, Helga Dünnebier. Schreiben Sie bloß meinen Namen auf. Dünnebier mit zwei ‚n’ und ‚ie’.”

„Sie haben einen Toten gefunden?”, fragte die Dame ungläubig.

„Nu”, strahlte Helga Dünnebier.

„Warum sagen Sie das denn nicht gleich? Moment, ich gebe Sie sofort an den zuständigen Beamten weiter.”

Noch ehe Helga Dünnebier etwas erwidern konnte, klickte es in der Leitung und Marschmusik drang ihr ins Ohr. Ungläubig betrachtete sie den Hörer in ihrer Hand.

„Wenn du een Toten gefunden hast, musste die Kripo in Dresden anrufen, da sind die in Sebnitz ni zuständig”, grummelte ihr Mann vom Esstisch her, „und sag gleich, dass da een Toter liegt.”

„Ah so?” Helga Dünnebier knallte den Hörer wieder auf die Gabel und suchte nach dem Telefonbuch für Dresden. Die Ausgabe war aus dem Jahr 2005 und reichlich angestaubt. Aber die Kripo, so tröstete sie sich, würde ja wohl nicht alle paar Jahre ihre Telefonnummer ändern. Sie zog ihre Strickjacke aus, wählte die Nummer, setzte sich kerzengerade in den Sessel und wartete.

Nachdem sie zweimal ihr Sprüchlein heruntergebetet hatte, jedes Mal etwas wirrer als zuvor, landete sie bei einer Frau Kerschensteiner. Die hörte sich das noch einmal an und fragte dann nach:

„Da liegt also ein toter junger Mann auf einem Feldweg unterhalb von Ottendorf?”

„Ja, mausetot!”, bestätigte Frau Dünnebier.

„Sie wohnen im Seifenweg 8 in Ottendorf?”

„Nu”, sagte Helga, „mein Name ist Helga Dünnebier mit zwei ‚n’. Dass Sie mir den ja richtig schreiben!”

„Frau Dünnebier, ich schicke sofort zwei Beamte zu Ihnen nach Hause. Bitte warten Sie, bis die zwei Sie abholen! Von Dresden bis zu Ihnen raus sind die aber sicher eine Stunde unterwegs. Die Polizei aus Sebnitz wird solange den Fundort sichern. „

„Ist gut”, sagte Helga und fühlte sich prächtig.

Heinrich Dünnebier hatte ihrer Erzählung am Telefon mit Erstaunen zugehört und war aufgestanden. Als seine Frau den Telefonhörer auflegte und erwartungsvoll die Hände in den Schoß legte, um auf die Polizei aus Dresden zu warten, schlurfte er zur Haustür. Dort zog er sich Schuhe und Jacke an.

„Wo gehst du hin?”, fragte Helga erstaunt.

„Nu, gucken, den muss ich mir doch ansehen”, sagte er, und machte sich mit kleinen, unsicheren Schritten auf den Weg.